1. Bedeutung von Scope 3 im Kontext der Klimastrategie
Scope-3-Emissionen umfassen alle indirekten Treibhausgasemissionen, die entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen. Während Scope 1 die direkten Emissionen aus eigenen Quellen und Scope 2 die Emissionen aus eingekaufter Energie abbilden, deckt Scope 3 sämtliche weiteren indirekten Emissionsquellen ab – von eingekauften Rohstoffen über Logistikprozesse bis hin zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte. In vielen Branchen stellen diese Emissionen den größten Anteil der gesamten Treibhausgasbilanz dar und sind damit zentral für jede glaubwürdige Klimastrategie.
In vielen Branchen machen Scope-3-Emissionen den größten Anteil der Gesamtemissionen aus. Entsprechend sind sie entscheidend für:
belastbare Netto-Null-Strategien
Science-Based Targets
regulatorische Berichtspflichten
Investoren- und Kundenanforderungen
strategische Transformationsprogramme
Die methodische Grundlage für die Erfassung bildet der Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol. Der Standard definiert 15 Kategorien von Scope-3-Emissionen und gibt Unternehmen einen strukturierten Rahmen zur Bilanzierung und Berichterstattung. Er schafft Vergleichbarkeit und Transparenz, lässt jedoch gleichzeitig Raum für unterschiedliche methodische Ansätze, abhängig von Datenverfügbarkeit und organisatorischem Reifegrad.
2. Einstieg und Prozess in die Scope-3 Berichterstattung
Der Einstieg in das Scope-3-Reporting erfolgt in der Praxis häufig über eine sogenannte Screening-Analyse. Dabei wird auf Basis von Finanzdaten, Branchenbenchmarks und generischen Emissionsfaktoren eine erste, überschlägige Abschätzung vorgenommen. Ziel dieser Phase ist es nicht, maximale Präzision zu erreichen, sondern Emissions-Hotspots zu identifizieren und Prioritäten zu setzen. Gerade in großen und komplexen Lieferketten ermöglicht dieses Vorgehen einen pragmatischen Startpunkt.
Phase 1: Einstieg über Screening - Finanzdaten (spend-based Ansatz) - Branchenbenchmarks - generische Emissionsfaktoren
Mit zunehmendem Reifegrad entwickelt sich das Reporting von einer rein finanzbasierten Näherung hin zu einer detaillierteren, aktivitätsbasierten Bilanzierung. Unternehmen beginnen, spezifische Aktivitätsdaten zu erfassen – etwa Materialmengen, Transportdistanzen oder Energieverbräuche. Im Idealfall werden zudem Primärdaten direkt von Lieferanten erhoben. Dieser Übergang von Durchschnittswerten zu spezifischen Daten ist entscheidend, um die Aussagekraft der Bilanz zu erhöhen und Fortschritte gegenüber Klimazielen belastbar messen zu können.
Phase 2: Methodische Vertiefung - Aktivitätsbasierte Berechnungen (z. B. Materialmengen, Transportkilometer) - Lieferantenspezifische Primärdaten - Hybridmodelle zur Kombination verschiedener Datenquellen
3. Datenerhebung und Integration
Die Datenerhebung im Scope-3-Reporting ist kein rein technischer Vorgang, sondern ein bereichsübergreifender Prozess. Da die relevanten Emissionsquellen entlang der gesamten Wertschöpfungskette verteilt sind, müssen unterschiedliche Unternehmensfunktionen koordiniert zusammenarbeiten. Einkauf, Controlling, Logistik, HR und Nachhaltigkeit tragen jeweils spezifische Datenpunkte bei, die in einer konsistenten Systematik zusammengeführt werden müssen.
Typische interne und externe Datenquellen sind unter anderem:
Einkaufssysteme zur Ermittlung beschaffter Güter und Dienstleistungen
ERP- und Controlling-Daten zur finanziellen und mengenmäßigen Strukturierung
Logistik- und Transportdaten zur Berechnung von Transportemissionen
HR-Daten, beispielsweise für Pendelverkehr oder Geschäftsreisen
Lieferantenbefragungen zur Erhebung von Primärdaten
Die Qualität der Scope-3-Bilanz hängt wesentlich davon ab, wie gut diese Datenquellen integriert sind. Digitale Schnittstellen, standardisierte Datenanforderungen und klar definierte Prozesse erhöhen nicht nur die Effizienz, sondern verbessern auch Konsistenz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse.
4. Qualitätssicherung und Dokumentation
Ein belastbares Scope-3-Reporting endet nicht mit der Berechnung der Emissionen. Ebenso entscheidend ist die systematische Qualitätssicherung. Da viele Berechnungen auf Schätzungen oder Durchschnittswerten beruhen, müssen die Ergebnisse kritisch geprüft und transparent dokumentiert werden.
Zu einem professionellen Qualitätssicherungsprozess gehören insbesondere:
Plausibilitätsprüfungen auf Kategorie- und Gesamtbilanzebene
Vergleich mit Vorjahreswerten zur Identifikation auffälliger Abweichungen
Sensitivitätsanalysen bei zentralen Annahmen
transparente Dokumentation von Methoden, Emissionsfaktoren und Unsicherheiten
Gerade bei der Nutzung von Durchschnitts- oder Sekundärdaten ist die Offenlegung von Unsicherheiten ein zentraler Bestandteil glaubwürdiger Berichterstattung. Ziel ist nicht absolute Präzision, sondern methodische Transparenz und kontinuierliche Verbesserung.
5. Zentrale Herausforderungen im Scope-3-Reporting
Datenverfügbarkeit entlang der Lieferkette
Eine der größten Herausforderungen liegt in der begrenzten Datenverfügbarkeit. Globale Lieferketten sind häufig komplex, mehrstufig und nicht vollständig transparent. Unternehmen stoßen insbesondere auf folgende Probleme:
fehlende oder unvollständige Emissionsdaten bei Lieferanten
unterschiedliche methodische Standards und Bilanzierungsansätze
dynamische Beschaffungs- und Produktionsstrukturen
Diese Rahmenbedingungen erschweren konsistente und vergleichbare Berechnungen. Langfristig ist daher der Aufbau strukturierter Lieferantenprogramme entscheidend, in denen klare Datenanforderungen definiert und Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette entwickelt werden.
Datenqualität und Unsicherheit
Selbst wenn Daten verfügbar sind, stellt ihre Qualität eine weitere Herausforderung dar. Viele Scope-3-Kategorien basieren zumindest teilweise auf:
Branchen-Durchschnittswerten
länderspezifischen Emissionsfaktoren
Annahmen zur Nutzungsdauer und Energieeffizienz von Produkten
Solche Parameter können erhebliche Bandbreiten aufweisen und die Ergebnisse signifikant beeinflussen. Ein professioneller Umgang mit Unsicherheit bedeutet daher, diese systematisch zu analysieren, zu dokumentieren und über mehrere Berichtsjahre hinweg schrittweise zu reduzieren.
Methodische Komplexität
Die 15 Kategorien des Corporate Value Chain Standards des GHG Protocol erfordern jeweils spezifische Berechnungslogiken. Es existiert keine einheitliche Formel für Scope 3; vielmehr müssen je nach Emissionsquelle unterschiedliche Ansätze kombiniert werden.
Typische methodische Fragestellungen betreffen beispielsweise:
die Abgrenzung von Leasing- und Outsourcing-Modellen
die Behandlung von Joint Ventures und Beteiligungen
die Vermeidung von Doppelzählungen innerhalb der Wertschöpfungskette
Eine konsistente Methodik über mehrere Berichtsperioden hinweg ist dabei essenziell, um reale Emissionsreduktionen von methodischen Effekten unterscheiden zu können.
Organisatorische Anforderungen
Scope-3-Reporting ist kein isoliertes Nachhaltigkeitsprojekt, sondern ein unternehmensweiter Transformationsprozess. Es erfordert klare Governance-Strukturen und eine eindeutige Rollenverteilung.
Erfolgsfaktoren sind insbesondere:
definierte Verantwortlichkeiten für einzelne Scope-3-Kategorien
Integration der Emissionsdaten in bestehende Steuerungs- und IT-Systeme
enge Zusammenarbeit zwischen Einkauf, Nachhaltigkeit, Controlling und operativen Einheiten
Verankerung von Klimazielen in Beschaffungs- und Produktstrategien
Nur wenn Scope 3 organisatorisch verankert ist, kann es als Steuerungsinstrument wirken und nicht lediglich als Berichtspflicht erfüllt werden.
6. Strategische Mehrwerte eines professionellen Scope-3-Reportings
Ein ausgereiftes Scope-3-Reporting schafft Transparenz über die tatsächlichen Emissionsschwerpunkte eines Unternehmens. Diese Transparenz ist nicht nur für regulatorische Konformität relevant, sondern eröffnet konkrete strategische Handlungsfelder.
Emissions-Hotspots entlang der Wertschöpfungskette weisen häufig auf:
Effizienzpotenziale in Material- und Energieeinsatz
Innovationsfelder in Produktdesign und Geschäftsmodellen
Möglichkeiten zur engeren Zusammenarbeit mit Lieferanten
Differenzierungspotenziale im Wettbewerb
Darüber hinaus stärkt eine transparente Offenlegung indirekter Emissionen die Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren, Kunden und Aufsichtsbehörden. Scope-3-Reporting wird damit vom reinen Berichtsinstrument zu einem strategischen Hebel für Dekarbonisierung und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
7. Unterstützung durch das Sustainability Cockpit
Das Sustainability Cockpit erleichtert die Scope-3-Berichterstattung erheblich, indem es verschiedene Datenquellen und Berechnungsmethoden zusammenführt.
Je nach Reifegrad der Daten können Unternehmen sowohl Spend-Based-Methoden als auch detaillierte Primärdaten verwenden, um ihre Emissionen zu erfassen. Eine zentrale Rolle spielt die Emissionsfaktoren-Datenbank, die zahlreiche Emissionsfaktoren bereitstellt. Zusätzlich kann über die Einbindung von Ecoinvent-Faktoren gerade bei Scope-3-Daten die Genauigkeit weiter erhöht werden. Unternehmen haben zudem die Möglichkeit, eigene Emissionsfaktoren zu hinterlegen, um branchenspezifische oder unternehmensspezifische Besonderheiten abzubilden.
Bei der Emissionsfaktorensuche kann genau festgelegt werden, ob die Angaben auf Basis von Einkaufswerten oder auf Grundlage genauerer Verbrauchsdatenbilanziert werden sollen. Über die aktivitätsspezifische Angabe zur Datenverlässlichkeit wird transparent ausgewiesen, welcher Anteil der Daten auf Primär- oder Sekundärquellen beruht.
Auf diese Weise unterstützt das Sustainability Cockpit nicht nur die konsistente Scope-3-Berichterstattung, sondern auch die kontinuierliche Verbesserung der Datenqualität und Genauigkeit der Emissionsbilanz.
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